Rheinsteig: Von Kaub nach Lorch

So richtig klar, wie viel Glück wir eigentlich hatten, ist mir erst heute – mehrere Jahre und gut und gerne 1000 Wanderkilometer später. Denn auch am vierten Tag unserer Rheinsteigtour sind noch alle vier Wandersmänner ebenso wie Schäferhündin Bora beschwerdefrei. Die an diesem Tag vor uns liegenden rund 15 Kilometer Rheinsteig von Kaub nach Lorch mit ihren gut 500 Höhenmetern erscheinen uns da ausgesprochen harmlos. Doch wir haben die Rechnung ohne Petrus gemacht.

Burg Pfalzgrafenstein
“Die Pfalz” wird die alte Zollburg mitten im Rhein landläufig genannt.

 

Burg Gutenfels
Burg Gutenfels lassen wir links liegen.

Wir starten unsere Tour vor unserer Wachturmstür und folgen dem Rheinsteig zunächst ein Stück durch den schönen kleinen Ort. An einem Schiefermahlwerk vorbei geht es dann jedoch wieder steil bergauf in Richtung Lorch. Unser Blick schweift dabei immer wieder nach rechts auf den Rhein, wo auf einer kleinen Insel, die fast winzig anmutende Burg Pfalzgrafenstein mitten im Fluss liegt. Der weiß getünchte Bau mit seinen roten Fenstern ist offensichtlich in allerbester Verfassung. Das ist beachtlich, denn die einstige Zollburg freut sich inzwischen auf ihren 700. Geburtstag.

Vorbei an Burg Gutenfels

Zunächst ist der Untergrund wenig charmant – Asphalt- und Schotterwege führen uns hinauf bis fast zur Burg Gutenfels, die wir jedoch links liegen lassen. Das können wir auch ganz getrost, denn eine Besichtigung der im Privatbesitz befindlichen Burg ist ohnehin nicht möglich. Dabei wäre das zweifellos eine interessante Angelegenheit, denn der Adelssitz hat immerhin gut 800 Jahre auf seinem staufischen Buckel.

Für uns geht es weiter bergauf und die Wege und die Umgebung wechseln sich. Auch wenn heute breitere Pfade angesagt sind und wir viel unter blauem Himmel kräftig ins Schwitzen kommen, genießen wir die sich abwechselnden Landschaften von offenen Weinbergen und Eichenwäldern. Schließlich erreichen wir nach ziemlich genau vier Kilometern mit 353 Metern den höchsten Punkt unserer heutigen Etappe auf dem Rheinsteig.

Der Burg Pfalzgrafenstein werfen wir noch einen letzten Blick zu, danach verlieren wir sie aus dem Sichtfeld.
Der Burg Pfalzgrafenstein werfen wir noch einen letzten Blick zu, danach verlieren wir sie aus dem Sichtfeld.

Im Freistaat Flaschenhals

Pause an der Grenze zum Freistaat Flaschenhals
Pause an der Grenze zum Freistaat Flaschenhals

Gut zwei Kilometer geht es nun leicht bergab, ein leichter Anstieg schließt sich auf dem nächsten Kilometer an und wir passieren schließlich das symbolische Holztor, das uns anzeigt, dass wir nun im Rheingau unterwegs sind. Der Wald ist inzwischen dichter und spendet mehr Schatten – wir freuen uns, denn allmählich wird es auch ordentlich warm. Für den heutigen Tag sind wieder gut 25 Grad angesagt und die mitgebrachten Getränke sind längst nicht mehr so kühl, wie wir sie gerne hätten.

Umso erfreuter sind wir, als wir schließlich mitten im Wald auf eine bewirtschaftete Hütte treffen, die direkt am Weg liegt. Und das auch noch auf historischem Grund, denn hier verlief seinerzeit auch die Grenze des sog. Freistaats Flaschenhals. Der war – ganz verkürzt gesagt – nach dem Ersten Weltkrieg durch eine recht ungenaue Aufteilung der alliierten Besatzungszonen entstanden. Man hatte durch einen schwunghaften Zirkelschlag die Grenzen der Zonen festgelegt, dabei aber diesen kleinen Landstrich vergessen. Dadurch entstand eine vom restlichen Deutschland isolierte Zone. Wer nun neugierig ist, findet hier eine detaillierte Beschreibung zur Geschichte des Freistaats Flaschenhals.

Rhein-Panorama
Wer tolle Panoramablicke genießen will, darf eben nicht auf Schatten hoffen.

Viel Panorama, wenig Schatten

Kaltes Brunnenwasser kommt da gerade recht.
Kaltes Brunnenwasser kommt da gerade recht.

Wir plaudern noch ein wenig mit dem Waldwirt, gönnen uns selbstverständlich ein eiskaltes alkoholfreies Hefeweizen und ziehen anschließend erfrischt und gestärkt weiter auf dem Rheinsteig. Der führt uns vorbei am Aussichtspunkt Kauber Blick und dann auf einem gemütlichen Weg durch einen Wald und verwilderte Weinberge. Nun ist es allerdings auch vorbei mit schattigen Bäumen und das Hefeweizen ist schnell wieder ausgeschwitzt.

Dass wir uns nun auch auf dem Kauber Panoramaweg befinden, merken wir schnell, denn die Ausblicke, die sich uns bieten, sind grandios. An einem Rastplatz finden wir einen Brunnen, aus dem eiskaltes Wasser schießt. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns ein wenig abzukühlen. Die ursprünglich als wenig anstrengend erwartete Etappe ist nun durch die Hitze doch kräftezehrender als gedacht.

Clemenskapelle
Verlockend: In der Clemenskapelle ist es sicher angenehm kühl…
Die Ruine Nollig ist die Ruine einer Höhenburg auf dem Bergrücken des „Nollig“.
Die Ruine Nollig ist die Ruine einer Höhenburg auf dem Bergrücken des „Nollig“.

Clemenskapelle und Ruine Nollig

Wir passieren die wunderschöne Clemenskapelle aus dem Jahr 1909 und würden uns nur allzu gerne in sie zurückziehen und die kirchliche Kühle genießen, doch wir wollen nun doch lieber schnellstmöglich zu unserer nächsten Unterkunft. Der Rheinsteig führt uns weiter und nun über den Panoramaweg Lorchhausen. Auch er besticht mit tollen Weitblicken auf den Rhein und ins Rheintal, bietet aber naturgemäß auch keinen Schatten mehr. Wir ziehen vorbei an Lorchhausen, das wir unter uns liegen sehen.

Als wir die Ruine Nollig erreichen – einen ehemaligen Wachturm aus dem 14. Jahrhundert, der möglicherweise einst Teil der Stadtbefestigung war, brennt die Sonne unerbittlich. Danach führt uns der Rheinsteig endlich bergab. Wir hoffen bereits darauf, schon bald im Schatten einer Straußwirtschaft sitzen zu können. Doch dann folgt noch einmal ein letzter, wenngleich auch kurzer Anstieg, ehe wir dann endlich Lorch vor uns liegen sehen und den Abstieg in den kleinen, lang gezogenen Ort antreten.

Weinreicher Abend bei Rößlers

Nach einem heißen Sonnentag will der Flüssigkeitshaushalt freilich ausgeglichen werden.
Nach einem heißen Sonnentag will der Flüssigkeitshaushalt freilich ausgeglichen werden.

Wenig später treffen wir in der Winzerwirtschaft Rößler, zu der auch ein Gästehaus gehört, mitten im Ort ein. Wir freuen uns über sehr saubere, gemütliche und neu eingerichtete Zimmer. Und über eine kalte Dusche. Nach der treffen wir uns im Weingarten der Winzerwirtschaft wieder und probieren uns munter durch die Weinkarte.

Unsere Wirtin besteht darauf, dass wir uns ins Gästebuch eintragen, was wir natürlich gerne machen und damit bei ihr einen Heiterkeitsanfall auslösen und dafür sorgen, dass sie den Eintrag den versammelten anderen Gästen unter lautem Gelächter zeigt. Denn einer spontanen Eingebung folgend haben wir uns einen Namen gegeben: Südoldenburger Flachlandtiroler. Kurz: SOFT.

Es wird – auch durch unsere recht frühe Ankunft bedingt – ein langer, weinreicher Abend. Wir lernen Andrea und Andreas aus Köln kennen, die ebenfalls den Rheinsteig wandern, allerdings in entgegen gesetzter Richtung. Was sie uns von der vor uns liegenden Etappe nach Rüdesheim erzählen, macht nicht viel Hoffnung. Denn für den nächsten Tag sind noch etwas höhere Temperaturen vorhergesagt. „Schatten gibt’s da nicht, nirgendwo“, sagt Andreas kopfschüttelnd. Wir bestellen noch einen Rößler-Riesling. Das kann ja heiter werden…

Ohrwurm für diese Wanderung: Here comes the sun

Warum will ich das wandern? Weil sich auf dieser Etappe des Rheinsteigs wieder viele großartige Rhein-Panoramen bieten, der Freistaat Flaschenhals erkundet sein will und sich die Einkehr beim Weingut Rößler allemal lohnt.

Bewertung
Natur ★ ★ ★ ★
Ausblicke ★ ★ ★ ★ ★
Abwechslung ★ ★ ★ ★
Romantik ★ ★ ★ ★
Sonnetanken-Faktor ★ ★ ★ ★ ★

INFOS
Etappenwanderweg, ca. 14,3 km lang
Höhenmeter: 530 m
Gehzeit: 6 Stunden
Schwierigkeit: mittel
Start: Ortskern Kaub

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Am Liebsten draußen und auf Wanderwegen unterwegs. Von Osnabrück über das Münsterland, von Rhein bis Mosel, vom Teuto bis zu den Alpen - kein Wanderweg ist vor mir sicher!
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